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    Frank Werneke sprach im Berliner Verlag

    Frank Werneke sprach im Berliner Verlag

    Konzentration, aber auch Zergliederung im Zeitungsmarkt

    Frank Werneke befasste sich in einer mit viel Applaus versehenen Rede auf der Betriebsversammlung Berliner Verlag am 24. Juni 2015 mit der Lage im Zeitungsmarkt, den Folgen der Konsolidierung für die Arbeitnehmer/innen und ging auf die Zergliederung bei MDS ein. Er verwies aber auch auf Alternative von ver.di zu den Unternehmensentwicklungen. Hier ein Auszug aus der Rede von Frank Werneke zu den Entwicklungslinien im Bereich der Zeitungsverlage:

    "Denn eine weitere klar zu erkennende Entwicklung der vergangenen Jahre ist: Die Konflikte finden längst nicht mehr nur im Rahmen von Tarifrunden statt, sie haben sich zunehmend in die Betriebe, in die Verlage hinein verschoben oder weiterentwickelt.
    In den Regionalzeitungskonzernen die sich über die Zeit herausgebildet haben – Madsack, DuMont, Funke, die SWMH, die Rheinische Post-Gruppe, Ippen – trifft man auf eigentlich immer gleiche Strategien.

    Auf der einen Seite findet ein Konzentrationsprozess statt, mit dem Ziel durch das Streichen von Arbeitsplätzen Kosten zu sparen. Zentrale Dienste, die IT-Bereiche usw. werden gebündelt. In immer stärker werdendem Umfang, werden in den jeweiligen Konzern auch, konzernweit tätige zentrale Redaktionen aufgebaut.

    Das alles ist soweit bekannt. Und nicht untypisch, auch für andere Branchen, indem im Rahmen von Konzentrationsprozessen die vielbeschworenen Synergieffekte gehoben werden sollen.

    Und dann gibt es eine zweite Entwicklungslinie – die in dieser Ausprägung und Radikalität, allerdings nur im Verlagswesen anzutreffen ist. Und das ist das Konzept des Zerstückelns der Betriebe.

    Aus jeder Abteilung wird versucht, eine eigene Gesellschaft zu machen: Vertrieb, Anzeigen, Archiv, interne Dienste. Einige Zeitungsverlage gehen sogar so weit, aus jedem Redaktionsressort einen eigene GmbH zu machen – und aus jeder Lokalredaktion. Wenn ich das richtig sehe, hat es da Ausgliederungen gegeben, wo dann ein oder zwei Beschäftigte in einer Gesellschaft bleiben.

    Das was ich beschreibe, ist kein Phänomen, das sich auf DuMont beschränkt. Sondern es ist typisch für die Zeitungen, die Teile der Regionalzeitungskonzerne sind, die ich eben genannt habe.

    Aber das hat natürlich auch was mit DuMont im Speziellen zu tun. Ich habe mir in Vorbereitung auf die heutige Betriebsversammlung einfach mal das Organigramm dieses Pressehauses angeschaut. Und das sieht aus wie das eines Konzerns, der mit 5000 Beschäftigten an mehreren Standorten produziert. Nicht wie das Organigramm eines Verlages, dessen Kerngeschäft es ist eigentlich ist zwei Regionalzeitungen herauszubringen. Mit einigen hundert Beschäftigten in diesem Gebäude.

    Da wo es noch von Einzelverlegern geführte Regionalzeitungen gibt – also insbesondere in Bayern und Baden-Württemberg, ist – bei allen Unterschieden – der Weg in die Zerstückelung der Zeitungsverlage bislang in aller Regel nicht beschritten worden. Und das aus gutem Grund: Denn dieses Zergliederitis ist natürlich eigentlich völliger Schwachsinn.

    Und es gibt auch keine andere Branche – die tatsächlich auf Wachstum orientiert –, die so ein schräges Konzept zur Aufbauorganisation von Betrieben fährt.

    Es ist völlig dysfunktional, einen Verlag, der eine gemeinsame Aufgabe hat – eine oder mehrere Zeitungen herauszubringen, und das Tag für Tag –, in lauter Teilbetriebe zu zerschlagen.

    Die Aufgabe eines Verlages ist es, Zeitungen in Print und Online herauszugeben, die journalistisch interessant sind und so ihre Leserinnen und Leser finden. Und ein Verlag funktioniert am besten, wenn alle Hand in Hand arbeiten: Die Redaktionen, der Vertrieb, die internen Dienstleistungsbereiche eines Verlages usw. Es gibt nur einen einzigen Grund dafür, wenn Verlage dennoch auseinander dividiert werden: Das ist die Hoffnung von Verlagsmanagern über das Prinzip "Teile und Herrsche" wirtschaftliche Vorteile erzielen zu können.Und zwar wirtschaftliche Vorteile zu Lasten der Beschäftigten.

    Fast jede Ausgliederung ist zumindest mit dem Versuch verbunden, Beschäftigten den Tarifschutz zu nehmen. Oder zumindest bei Neueinstellungen deutlich verschlechterte Arbeits- und Entlohnungsbedingungen durchzusetzen. Was nichts anderes bedeutet, als die zukünftige Generation von Redakteurinnen und Redakteuren und die zukünftige Generation von Verlagsbeschäftigen zu benachteiligen.

    Ein weiterer Effekt der Zerstückelung und der Ausgründungen in den Verlagen ist aus der Perspektive der Managements leider auch die Schwächung der betrieblichen Interessensvertretung. Statt Betriebsratsgremien, die wirkungsvoll alle Beschäftigten eines Verlages vertreten, entstehen im besseren Fall, je ausgegründeten Betriebsteil – eigenständige, aber natürlich deutlich kleinere Betriebsratsgremien. Im schlechteren Fall kann es aber sogar sein, dass für einzelne ausgegründete Gesellschaften keine Betriebsräte gebildet werden können.

    Also mitbestimmungsfreie Zonen in den Verlagen entstehen. Und damit gilt Direktionsrecht. Nur am Rande – bei gutem Willen muss es diese Schwächung der betrieblichen Mitbestimmung nicht geben. Selbst wenn die Verlage den aus meiner Sicht unsinnigen Weg gehen, sich in immer mehr formal rechtlich eigenständige Gesellschaften zu zerlegen. Denn rechtlich besteht die Möglichkeit, dennoch ein gemeinsames Betriebsratsgremium für einen Betrieb, einen Verlag aufrecht zu erhalten.

    Durch die Schaffung bzw. den Erhalt sinnvoller und wirkungsmächtiger Betriebsratsstrukturen, durch einen Tarifvertrag. Der §3 des Betriebsverfassungsgesetzes sieht diese Möglichkeit ausdrücklich vor. Wir als ver.di stehen für solche konstruktiven Lösungen, die betriebliche Mitbestimmung zu stärken, immer bereit. Vernünftige Arbeitgeber finden mit uns über den aufgezeigten Weg auch Lösungen. Z.B. im Einzelhandel, denn es ist ja einigermaßen unsinnig, für jede Supermarkt-Filiale einen eigenen Betriebsrat zu haben. Stattdessen werden durch §3 Tarifverträge für zusammenhängende Regionen Betriebsratsgremien geschaffen. Um die Interessensvertretung der Beschäftigten wirksam organisieren zu können. Denn: Kluge Arbeitgeber haben ein Interesse an starken Betriebsräten. Wachstum entsteht nur durch Innovation und Innovation setzt Zusammenarbeit voraus. Die verbreitete Zergliederitis in den Verlagen behindert Innovationen.

    Liebe Kolleginnen und Kollegen,

    mir sind die Herausforderungen und Schwierigkeiten, denen sich alle Zeitungen und die Verlage stellen müssen, natürlich absolut gegenwärtig angesichts zurückgehender Auflagen im Printbereich, heute bestenfalls stagnierender Werbeumsätze und eines veränderten Mediennutzungsverhaltens, gilt es Perspektiven und auch für die Zukunft tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln. Und diese Aufgabe ist nicht klein. Und ich will auch gar nicht lange die Fehler der Vergangenheit beklagen, die von vielen Verlagen gemacht wurden – auch wir haben nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen.

    Und deshalb ist gut, wenn jetzt endlich versucht wird, mit Journalismus und Zeitung im Netz auch Geld zu verdienen. Was schwer genug ist, nachdem über Jahre Inhalte kostenlos verbreitet wurden. Und sich Leserinnen und Leser an diese Kostenlosigkeit gewöhnt haben. Auf geraume Zeit wird es aber so sein, das die gedruckte Zeitung das finanzielle Hauptstandbein der Verlage bleibt.

    Das ist der Kern des bestehenden Geschäftsmodells, der auch in medienkonvergenten Redaktionen mit eigenem Profil weiterentwickelt werden muss. Tageszeitungen müssen in Zukunft noch stärker als heute Mehrwert und Hintergründigkeit bieten.

    Und ich bin vor diesem Hintergrund zutiefst davon überzeugt: Sowohl der Digitale Wandel in den Zeitungsverlagen, als auch die Weiterentwicklung des Produktes Zeitung wird nur gelingen, wenn in den Zeitungsverlagen ein Klima der Offenheit und der Transparenz besteht. Der Wandel wird nur gelingen, wenn Ideen von Redakteurinnen und Redakteuren, genauso wie die Ideen aller anderen Beschäftigten eines Verlages, auch gewünscht sind.

    Und der Wandel wird scheitern, wenn die Hauptidee verlegerischen Handelns aus Tarifflucht, Ausgliederungen und Verlagerungen besteht. Also das Schaffen von Zonen der Unsicherheit in den Verlagen. Denn dann wird die Zitrone nur so lange ausgequetscht, bis sie keinen Saft mehr gibt. Das ist vielleicht ein Modell, um für ein paar Jahre eine Rendite zu schaffen. Daraus entsteht aber keine Geschäftsmodell der Zukunft – und erst recht kein „Wachstum“.

    Liebe Kolleginnen und Kollegen,

    Beschäftigte, Betriebsräte, wir als Gewerkschaft können Vorstellungen einbringen und/oder kritisieren. Letztendlich haben wir aber die unternehmerischen Entscheidungen nicht in der Hand.

    Wenn Verlage den Weg der Zergliederung und Ausgründung einschlagen, dann können wir das letztendlich nicht verhindern.

    Was wir aber gemeinsam in der Hand haben ist die Möglichkeit Tarifverträge durchzusetzen, wie sie für die Beschäftigten sinnvoll sind. Ohne Rücksicht auf künstlich in den Verlagen gezogene Gartenzäune. Das ist der Grund dafür, dass wir für dieses Haus zusammen mit dem DJV einen Sozialtarifvertrag fordern.

    Und Holger Artus wird ja gleich berichten, wie in einer vergleichbaren Ausgangssituation bei der MoPo ein Sozialtarifvertrag durchgesetzt wurde. Kitas, Charité, Deutsche Post AG, Staatsballett Berlin – usw. und so fort. Ich glaube es braucht keine zusätzlichen Belege dafür, dass ver.di dazu in der Lage ist, wirkungsvoll die Interessen von Beschäftigen zu vertreten. Beim Konflikt bei der Deutschen Post/DHL, geht es in der Hauptsache übrigens auch um das Thema Ausgliederungen, mit dem Ziel des Konzernes dadurch Einkommen zu drücken.

    Wir werden als Gewerkschaften aber nie stellvertretend oder ersatzweise Konflikte lösen können. Sondern immer nur dann, wenn die Beschäftigten ihre Interessen in die eigene Hand nehmen. Dazu möchte ich euch und Sie ermutigen. Deshalb werbe ich hier für die aktive Unterstützung der Verhandlungen für einen Sozialtarifvertrag."