Tarifrunde 2013/14

    Was der Bundespräsident den Verlegern ins Stammbuch schreibt

    Was der Bundespräsident den Verlegern ins Stammbuch schreibt

    Gauck-Plakat dju NRW Joachim Gauck sprach beim Verlegerkongress in Dresden

    Gauck verknüpft Zukunft des Qualitätsjournalismus mit den Arbeitsbedingungen

    Bundespräsident Joachim Gauck hat am 17. September bei der Jahrestagung des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) in Dresden eine vielbeachtete Rede gehalten. Er würdigte die wichtige Rolle der Journalistinnen und Journalisten und verknüpfte die Zukunft des Qualitätsjournalismus mit den Arbeitsbedingungen. Besonders kritisierte er, dass feste Stellen in den Redaktionen verschwinden, freie Mitarbeiter für Zeilenhonorare schuften und Volontäre wie Redakteure arbeiten, aber Azubilöhne bezahlt werden.

    Hier die Rede im Wortlaut:

    "Alles bleibt in Bewegung." Diesen Satz habe ich in der Ankündigung zum diesjährigen Zeitungskongress gefunden und dachte mir: Das passt! Besser kann man kaum auf das Thema Transformation der Medienwelt hinweisen. Wenn alles in Bewegung bleibt, dann darf vielleicht auch Ihr Abschlussredner ein wenig weiterdenken und weiterfragen, statt künstlich einen Endpunkt zu suchen. Offen für den Wandel zu sein, heißt ja auch: Offenheit aushalten, keine fertigen Antworten erzwingen. Dankeschön, dass Sie mich eingeladen haben, zu Ihnen zu sprechen.

    Um im Bild zu bleiben: Zeitungsverleger zu sein, ist im Jahr 2013 tatsächlich für einige ein ergebnisoffenes Geschäft. Wenn ich ins Programm schaue, ahne ich, dass Sie gerade ausführlich eine Reihe von Schwierigkeiten diskutiert haben: den scharfen Wettbewerb am Medienmarkt, die Einbrüche bei den Anzeigen, die Schließung von Redaktionen und ganzen Zeitungen, die Klippen der Digitalisierung und vieles mehr. 

    Allerdings: Im aktuellen Jahresbericht Ihres Verbandes sind zugleich Fakten nachzulesen, die zuversichtlich stimmen, die schwarze Zahlen und keine schwarze Zukunft verheißen. Welchen Überschriften darf ich denn nun Glauben schenken? – allen, habe ich mir sagen lassen. Was die einen als existentielle Krise erleben, ist für die anderen eine hochrentable Phase. Hier schließt ein Hauptstadtbüro, dort wächst die "Landlust". Hier verliert eine Zeitung Papierliebhaber, dort geht ein Blatt erfolgreich online. Parallelwelten tun sich auf. Das Wort Zeitungskrise beschreibt nur eine Realität. Deshalb bin ich gern gekommen zu Ihrem Kongress, der einen zweiten, einen genaueren Blick auf die viel zitierte Krise wirft und vor allem: auch einen Blick nach vorn.

    Wie ich gehört habe, stand bislang trotz aller Schwierigkeiten öfter das halbvolle als das halbleere Glas vor den Diskutanten. Das ist gut so, denn apokalyptische Debatten um das Zeitungssterben bringen weder die Verlage, noch die Redaktionen oder die Leserschaft voran. Im Gegenteil: Wer vom Sterben spricht, hat den Weg in die Zukunft aufgegeben. Stattdessen auf Transformation zu setzen, auf neue Geschäftsmodelle, das ist in meinen Augen nicht romantisch oder weltfremd, sondern realistisch. Allerdings werden Sie sicher alle Mut brauchen.

    Die Zeitung hat eine Zukunft

    Ich wage heute den Satz: Die Zeitung hat eine Zukunft. Ihre Form mag veränderlich sein und auch in Frage stehen. Aber ihre wichtigste Rolle für ein tieferes Verständnis und die Weiterentwicklung unserer Demokratie kann und sollte konstant bleiben. Ich meine den Qualitätsjournalismus.

    Qualitätsjournalismus ist nicht an eine bestimmte Form gebunden – etwa das Papier –, sondern an Inhalte und an eine Methode, die journalistische Methode. Der Journalismus der Zukunft mag ganz oder teilweise anders aussehen und anders funktionieren als heute. Aber ich bin zuversichtlich: Es wird ihn geben! Denn vieles verändert sich um uns herum, eines jedoch bleibt: das Bedürfnis nach Information. Unser Bedürfnis nach Klarheit und Orientierung, nach verlässlichen Fakten und verständlicher Deutung wird fortbestehen, auch weil mehr und mehr Nachrichten ungefiltert auf uns einströmen.

    Eine gute Zeitung erklärt uns die Zeit, unsere Zeit. Qualitätsjournalismus ist etwas anderes als eine mit Fotos aufgehübschte Sammlung von Agenturmeldungen und PR-Texten. Eine gute Zeitung wählt Nachrichten nach Kriterien der Relevanz aus, ordnet sie in Zusammenhänge ein, interpretiert und bewertet das Geschehen. Eine gute Zeitung leistet also genau das, was wir angesichts der Informationsflut dringend brauchen: Sie zeichnet große Linien und vermittelt verschiedene Standpunkte.

    Meine Damen und Herren, ich danke jedem Einzelnen von Ihnen, der sich für Qualitätsjournalismus in unserem Land stark macht! Bitte betrachten Sie diesen Dank – neben wenigen kritischen Anmerkungen, die ich Ihnen heute zumuten möchte – als wichtigste Botschaft. Danke für alles, was Ihre Zeitungen unserer Demokratie an Erkenntnis, an Meinungsvielfalt und an Debattenreichtum schenken!

    Sie merken, einem Zeitungspessimismus kann und will ich nicht das Wort reden. Allerdings möchte ich auch einer naiven, schönfärberischen Interpretation der Lage keinen Vorschub leisten. Es stellt sich durchaus die Frage: Ist die wichtige Funktion der Zeitungen für unsere Demokratie durch die Veränderungen am Markt gefährdet?

    Ich habe den Eindruck: Die Risiken sind unübersehbar, weil die Transformation am Zeitungsmarkt die Rolle des Journalismus für unsere Demokratie im Kern berührt. Und mit diesem Kern meine ich genau den Teil von Qualität, der sich nicht in Papiermengen oder Pixeln messen lässt, sondern eine Konstante bei allem Wandel bleiben muss: die Glaubwürdigkeit einer Zeitung. Glaubwürdigkeit ist für mich genau das, was eine gute Zeitung ausmacht. Glaubwürdigkeit muss guten Journalismus auch künftig prägen, wenn wir einmal alle Äußerlichkeiten – alle Formfragen – beiseitelassen.

    Gestatten Sie mir an dieser Stelle einen kleinen Exkurs. Das Miteinander – oder sagen wir: Nebeneinander – von analogen und digitalen Zeitungen ist weit mehr als eine Formfrage, habe ich gelernt. Viele Stunden dieser Konferenz waren diesem Thema gewidmet. Gestern Abend habe ich noch überlegt, ob ich mich auf die Debatte um „Pixel versus Papier“ als Laie wirklich einlassen sollte. Kulturpessimismus gehört bekanntlich nicht zu meiner Arbeitsplatzbeschreibung. Jetzt, wo ich in einem Saal voller Experten stehe, möchte ich am liebsten behelfsmäßig ein paar Vergleiche heranziehen, wie Sie es auch in Ihrem Konferenzprogramm getan haben. Unter dem Motto: Die totgesagte Musikindustrie? Es gibt sie noch! Der totgesagte Ladenhandel? Es gibt ihn noch! Was gilt also für die totgesagte Papierzeitung? – Ich gebe zu, mir gefällt der Gedanke, dass auch in vielen Jahren große Leserschaften ihre Zeitungen anfassen und darin blättern, vielleicht einen klugen Kommentar ausschneiden, aufbewahren und bei Gelegenheit daraus zitieren.

    Das Internet, eine Kulturrevolution

    Es wäre allerdings töricht, die Technik von morgen mit dem Erfahrungshorizont von gestern zu begrüßen. Gerade das Internet, eine Kulturrevolution im Range des Buchdrucks oder der Dampfmaschine, wird unser Leben weiter verändern und vielleicht stärker, als wir es derzeit prognostizieren können. Und: Mit dem Siegeszug des Internets haben die klassischen Medien ihr Informations- und Deutungsmonopol verloren. Schon jetzt ist die traditionelle Rollenaufteilung zwischen Absender und Empfänger einer Nachricht, zwischen Produzent und Konsument, wie wir sie von der Papierzeitung kennen, online aufgehoben. Schon jetzt werden Nachrichten aller Art in Windeseile verbreitet, weltweit. Schon jetzt fühlen sich Millionen Menschen von der Informationsflut fast hinweggespült. Professionelle Kommunikatoren – auch Politiker – investieren viel Kraft, um ihre Botschaft trotzdem an den Mann oder an die Frau zu bringen. Und schon jetzt gibt es Augenblicke, in denen kurze Tweets große Umwälzungen vorantreiben, denken wir nur an den Arabischen Frühling.

    Freilich: Wie stark das Internet die Verbreitung und den Stellenwert von Nachrichten noch beeinflussen wird, können selbst die klügsten Zukunftsforscher bisher nur bruchstückhaft erahnen. Das Ausmaß des Wandels ist für niemanden absehbar. Manches unterschätzen, aber anderes überschätzen wir wohl auch. Umso mehr lohnt es sich, den Spielraum für Qualitätsjournalismus immer wieder neu auszuloten.

    Bei genauem Hinsehen ist manche neue Kommunikationsform auch nicht unbedingt eine Konkurrenz für die Zeitung. Es hat sich nämlich herumgesprochen, dass man mit 140 Zeichen keine Grundsatzdiskussion führen, aber gut auf Orte der Debatte – etwa Online-Zeitungen – verweisen kann. Außerdem setzt sich die Erkenntnis durch, dass anonyme Schwarmintelligenz zwar mitreißt, aber so manchen Blogger auch reinreißt, weil Quellen unklar bleiben und Fakten und Meinungen verschwimmen. Und der Verlust von Klarheit wird in aller Regel auch als Verlust von Wahrheit empfunden. Technisch gesehen kann heutzutage jeder mit wenig Aufwand Nachrichtenmacher sein. Aber was bedeutet das für den professionellen Journalismus? Und was bedeutet es für unsere Demokratie?

    Zumindest mittelfristig kann die ungefilterte, oft emotional getriebene Massenkommunikation im Netz die Zeitung als Quelle nicht ersetzen. Wir werden weiterhin angewiesen sein auf Kommunikation mit Spielregeln, auf Nachrichten, die mit professionellem Ethos erstellt und im Bewusstsein ihrer Qualität rezipiert werden. Eine funktionierende Demokratie braucht verlässliche Berichterstattung. Sie braucht seriöse Einordnung und sachkundige Interpretation des Geschehens.

    Glaubwürdigkeit als Schlüsselbegriff

    Glaubwürdigkeit ist für mich dabei ein Schlüsselbegriff, weil sie unseren Blick von den vielen Veränderungen auf das Wesentliche lenkt. Glaubwürdigkeit ist ein Prädikat, das in Sekunden verspielt, aber nur durch Beständigkeit erworben werden kann. Zeitungen haben es sich über Jahrzehnte, manchmal sogar über Jahrhunderte erarbeitet. Im August konnte ich der Hersfelder Zeitung zum 250. Jubiläum gratulieren. Das hat mich einmal mehr daran erinnert, wie eng die Geschichte der veröffentlichten Meinung mit der Geschichte unserer Demokratie verknüpft ist. Die Zeitungen sind Spiegel unseres Gemeinwesens, in guten wie in schlechten Zeiten. Für mich sind solche Jubiläen auch immer wieder Grund zur Freude, weil unser föderal geprägtes Land nicht zuletzt dank seiner traditionsreichen Lokalausgaben die größte Zeitungsvielfalt in Europa aufweist. Einigen Blättern ist es gelungen, ihr größtes Pfund – die Glaubwürdigkeit – erfolgreich auch in der digitalen Welt zu platzieren. Andere suchen noch nach neuen Vermarktungswegen.

    Auch ich kann heute kein fertiges Modell anbieten, aber ich nenne gern einige Mindestanforderungen für die Bürgergesellschaft der Zukunft: "Wir müssen eine freie, unabhängige, vielfältige und qualitätsvolle Presse erhalten. Wir müssen sie uns leisten wollen." So habe ich es vor einem Jahr bei der Verleihung des Theodor-Wolff-Preises formuliert. Ich glaube, bei diesem Ziel sind wir uns alle hier im Saal einig. Allerdings hat wohl niemand eine Blaupause, wie genau aus dem Sich-Leisten-Wollen ein Sich-Leisten-Können wird.

    An dieser Stelle will ich mir eine These erlauben, sehr geehrte Verlegerinnen und Verleger: Wer glaubwürdig ist, der wird Anhänger und Mitstreiter auf seinem Weg finden. Zuerst fallen mir dabei diejenigen ein, die man früher Leserinnen und Leser nannte, die inzwischen User, Friends und Follower sind. Entscheidend ist: Die Mehrheit dieser Rezipienten verhält sich kritisch und anspruchsvoll. Darauf setze ich in einer aufgeklärten, bildungsbetonten Bürgergesellschaft. Präzise Informationen und Argumente werden dann immer ihr Publikum finden.

    Allerdings will ich nicht verschweigen, dass ich schon heute auch ganz andere Stimmen höre. Wenn ich Menschen frage, warum sie sich für das Zeitunglesen nicht begeistern können, dann antworten viele, dass sie einfach nicht das darin finden, was sie gern lesen würden. Immer mehr junge Leute haben zum Beispiel den Eindruck, dass die Zeitungswelt eine ganz andere Realität beschreibt als die, in der sie leben. Wie könnten Zeitungen solche Gruppen für sich gewinnen? Eine einfache Antwort darauf kann ich nicht geben. Simplifizierung wäre für eine pluralistische Demokratie ohnehin keine Lösung. Je vielfältiger die Lebensstile und damit die Erwartungen an den Journalismus werden, desto differenziertere Antworten brauchen wir auf die Kernfrage: Wann lohnt es für beide Seiten – Leserschaft wie Eigentümer – sich eine Zeitung zu halten?

    Die Frage, wie genau sich guter, glaubwürdiger Journalismus lohnt und was er für wen wert sein kann, stellt sich gerade für Sie immer wieder neu, sehr geehrte Damen und Herren. Ihre zweite große Gruppe von Verbündeten müssen deshalb auch künftig die Redakteurinnen und Redakteure sein.

    Glaubwürdige Journalisten sind das größte Kapital einer Zeitung – mit ihrem Intellekt und ihrer Empathie, mit ihrer Neugier und ihrer Diskussionsfreude, manchmal auch mit ihrem Namen, der im Laufe der Jahre zur eigenen Marke avanciert. Gute Journalisten fühlen sich nicht allein dem Eigentümer ihres Mediums verpflichtet, sondern auch dem Gemeinwohl. Sie beleuchten unsere Gegenwart, sie decken Missstände auf und riskieren in manchen Ländern der Welt dabei unter Umständen ihre Freiheit und ihr Leben. Wenn sie einem Skandal nachjagen, suchen sie nicht bloß Erregung, sondern Wahrhaftigkeit. Deshalb prüfen sie die Fakten und hören die Gegenseite. Sie verstehen Erfolg nicht nur als flüchtigen, spektakulären Augenblick. Sie setzen auf langfristigen Erfolg durch Präsenz und Profil, durch Haltung und Hingabe. In diesem Sinn dienen sie der Demokratie. Das sage ich nicht nur als Bundespräsident. Ich sage es vor allem als Leser, der sich lange danach gesehnt hat, dass es diese Art Journalismus nicht nur in Hamburg oder München, sondern auch in Rostock oder Dresden geben darf.

    Prekäre Arbeit ist keine stabile Basis für verlässliche Inhalte

    Deshalb gehört zur Debatte über die Zukunft des Qualitätsjournalismus für mich auch ein Wort über die Beschäftigungssituation von Journalisten. Überall lässt sich beobachten, wie feste Stellen in den Redaktionen verschwinden, wie freie Mitarbeiter für Zeilenhonorare schuften, wie Volontäre als Redakteure arbeiten, aber Azubilöhne verdienen. Prekäre Arbeit ist keine stabile Basis für verlässliche Inhalte.

    Selbst die Festangestellten haben offenbar Anlass, sich wehmütig an die gute alte Zeit zu erinnern. Viele von ihnen würden gern gründlicher recherchieren, öfter nachfragen und präziser texten. Sie sträuben sich dagegen, Masse statt Klasse zu produzieren. Der Zeit- und Kostendruck in den Redaktionen lässt immer weniger Spielraum für aufwendigen oder investigativen Journalismus. Die Streichung der Auslandskorrespondentenstellen ist ein Beispiel dafür.

    Immerhin, nach und nach wächst die Erkenntnis: Google kann weder Geist noch Gespür eines Reporters vor Ort ersetzen. Ich hoffe, dass mit dieser Einsicht ein Gegentrend greifen kann. Denn wo zu kräftig gespart wird, stellt sich oft heraus: Personelle Auszehrung schlägt früher oder später auf die Qualität durch. Und die Leser merken das. Es ist also kein Gutmenschengerede zu konstatieren: Langfristig ist eine solide Personalausstattung in den Redaktionen inhaltlich wie ökonomisch sinnvoll.

    Ein überzeugendes Medienprodukt findet auch eine Leserschaft

    Qualitätsjournalismus und Gewinnorientierung sind keine Gegensätze. Hier im Saal klingt das wie eine Selbstverständlichkeit, draußen muss man es manchmal erklären. Am besten gelingt das durch Beispiele aus der Praxis. Beispiele, bei denen klar wird: Qualität setzt sich durch. Ein überzeugendes Medienprodukt – sei es eine klassische oder digitale Zeitung – findet auch eine Leserschaft. Ich denke an die vielen renommierten Blätter, die Sie herausgeben. Ich denke an die vielen Preise und Auszeichnungen für gelungenen Journalismus, die Ihre Häuser jedes Jahr als Bestätigung der Verlagsarbeit entgegennehmen können. Ob Hochkultur oder Mühen der Ebene: So vieles, was in Deutschland produziert wird, kann sich sehen und lesen lassen.

    Ich denke auch an Erfolgsgeschichten, die ganz im Stillen wachsen. Regional und lokal passiert das tausendfach, wie wir wissen. Diese journalistische Arbeit an der Basis beobachte ich mit großem Interesse, weil sie all dem so ähnlich ist, was sich Demokraten von lokalen Politikern wünschen: nah bei den Menschen sein, zuhören ohne Überheblichkeit oder vorgefertigte Meinungen, dann weitertragen, was die Region bewegt, zum Mittun einladen und Missstände klar benennen. Dabei gilt gleichwohl die alte Journalistenweisheit: In der Kommune fällt es manchmal leichter, den Papst zu kritisieren als den eigenen Bürgermeister. Es ist und bleibt eine hohe Kunst, aus dem Alltag heraus die großen Lebensfragen zu stellen und zu beantworten – im Kleinen das Bedeutende für die Gesellschaft zu erkennen. Denken wir nur an den Kaninchenzüchterverein, der oft despektierlich als Beispiel für die erste Reportage eines Volontärs genannt wird. Derlei Vereine und Initiativen sind es aber, in denen Basisdemokratie stattfindet. Auch dort wird ausgefochten, wer am Sonntag die Wahl gewinnt und ob es wohl hilfreich wäre, nicht nur dem eigenen Garten, sondern auch der Wahlkabine einen Besuch abzustatten.

    Welches neue Bild könnte das Klischee vom Kaninchenzüchterverein ersetzen? Ist es vielleicht die multimediale, womöglich international vernetzte Lokalredaktion? Ich gebe zu, für einige Neuerungen fehlt mir noch die Vorstellungskraft. Neulich hörte ich von sogenannten News-Games, Spielen, mit denen zeitungsferne Menschen an Nachrichten herangeführt werden sollen. Kann das funktionieren? Wer weiß, vielleicht werde ich im Laufe meiner Amtszeit für ein solches Novum sogar einen Orden verleihen dürfen.

    Was das Internet betrifft, so ist es schwer vorherzusagen, welche Innovationen uns in zehn Jahren herausfordern werden. Werden wir mehr über Gefahren und Missbrauch reden oder über weitere Vertriebskanäle? Die intelligente Verknüpfung von Wort und Bild, von Animation und Moderation kann uns in eine Medienzukunft führen, in der noch mehr Menschen als bisher mit noch besseren Informationen erreicht werden. Das wäre gut für die Medienhäuser – und gut für die Demokratie.

    "Alles bleibt in Bewegung." Zwischen Hoffnung und harter Arbeit ist dieser schöne Satz heute Analyse, Prognose und zugleich Appell: Wenn alles in Bewegung bleibt, dann bin auch ich, dann sind wir alle aufgefordert, uns mutig auf den Weg zu machen!

    17. September 2013