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    Demonstrationen am Taksim

    Demonstrationen am Taksim

    Rote Nelken und Pinguine mit Gasmasken

    Zehntausende DemonstrantInnen erobern am Samstagabend den Taksim zurück – für eineinhalb Stunden: Die Antwort der Polizei sind erneut Wasserwerfer, Pfefferspray, Gummigeschosse, CS-Gas und Knüppel 

    Der Münchner Journalist, Autor und Filmemacher Michael Backmund ist Mitglied im Vorstand der Deutsche Journalistinnen- und Journalistenunion (dju) in der Gewerkschaft ver.di, Ortsverband München und hielt sich zu Gesprächen und Recherchen im Auftrag des Bundesvorstandes der dju in Istanbul auf. Hier ist sein Bericht vom Kampf um den Taksim-Platz.

    Auf der Fahrt zurück heraus aus Talabashi nach Eminönü beginnt der junge Taxifahrer auf dem Weg durch die verstopften Straßen nach seiner Frage, ob wir JournalistInnen seien, leise und stolz zu flüstern: „Auch ich bin ein Capulcu! (Siehe Hintergrund) Drei Tage habe ich im Gezi-Park übernachtet, diese Proteste werden unser Land verändern, die Erfahrungen, die wir jungen Türken, Aleviten, Kurden und viele andere zusammen gemacht haben, kann uns niemand mehr nehmen.“

    So zufällig und flüchtig die Begegnungen in diesen Istanbuler Juninächten auch sein mögen, so offen und interessiert wurde schon lange nicht mehr über das Schicksal der Türkei und Kurdistans am Bosporus gesprochen. Es sprechen die Menschen, die Taxifahrer, Obsthändler und KellnerInnen und die Hoffnung ist groß: „Viel Glück werden wir uns beim Aussteigen wünschen und gefragt nach den veränderten Mehrheitsverhältnissen in der türkischen Gesellschaft nach den ersten drei Wochen der Gezi-Park und Taksim-Proteste, wird der Student, der nachts sein Lebensunterhalt im Taxi verdienen muss, antworten: „Noch stehen rund 30 Prozent der Bevölkerung hinter der AKP, oder sind es nur noch 30 Prozent – zehn bis 15 Prozent haben sie schon verloren – nach nur drei Wochen Widerstand!“ Und es gibt noch einen Grund, weshalb der junge Mann, der so viel Polizeigewalt in den vergangenen Nächten auf den Straßen der Bosporusmetropole gesehen und erlebt hat auf seinen Fahrten durch die engen Gassen und die breiten Boulevards, optimistisch in die Zukunft blickt: „Nein, die alten Kemalisten der Militärdiktatur und die Faschisten werden für die Menschen in dieser neuen Türkei keine Alternative zur AKP mehr werden können.“

    Erst in den frühen Morgenstunden ist das Dröhnen des Hubschraubers, der noch stundenlang über dem Taksim und den angrenzenden Stadtvierteln kreisen wird, verstummt. Nach einer kurzen Verschnaufpause von wenigen Tagen mit vielen spontanen und neuen Protestformen ist der Aufstand der „Marodeure“*, wie Recep Tayyip Erdogan die DemonstrantInnen nannte, wieder mitten in Istanbul zurück – ungebrochen, ernst und heiter, entschlossen und umsichtig zugleich.

    Für Samstagabend, den 22. Juni 2013, eine Woche nach der brutalen Räumung des Gezi-Park-Camps hat die Plattform „Taksim-Solidarität“ erneut zu einer Großdemonstration ins politische Herz der Bosporusmetropole mobilisiert. Ab halb sieben Uhr abends strömten von überall her durch die Istiklal und allen Zufahrtsstraßen zehntausende DemonstrantInnen auf den Taksim und trugen tausende rote Nelken vor sich her – sie zeigten die tiefe Verbundenheit und das Bangen um die vielen Schwerverletzten, die noch in den Kliniken vieler türkischer Städte um ihre Gesundheit oder sogar ihr Leben kämpfen, genauso wie das Gedenken und die Trauer um die bisher fünf Toten der neuen Protestbewegung.

    Der riesige Platz verwandelte sich in der milden Abendsonne zu einem Fahnenmeer - hunderte weiß-rote Banner mit dem Slogan "Taksim-Solidarität" wehen im Wind und Parolen wie "Taksim ist überall –überall ist Widerstand" vermischen sich aus den Kehlen von Zehntausenden zu einer lautstarken Stimme. "Uns gehören Taksim und Gezi-Park" mischt sich mit den höhnischen Schlachtenrufen der Ultras der Istanbuler Fußballfans, die nun gemeinsam gegen die Polizei und für ihre Freiheit auf die Barrikaden gehen: "Hole, hole, Pefferspray hole!" Alte Menschen und Familien sind gekommen, ein Hochzeitspaar läuft durch die Menge und wird bejubelt: Sie in weißem Kleid, und er zum festlichen schwarzem Anzug und Krawatte einen gelben Bauarbeiterhelm auf dem Kopf. Auffallend in der Mehrheit sind wieder zigtausende Frauen mit feministischen Parolen und Schildern. Wie den gesamten Tag bereits und seit der Räumung am 15. Juni standen an allen Ecken des Platzes Wasserwerfer, gepanzerte Jeeps, Manschafts- und Gefangenentransporter.

    Taksim um 19 Uhr am 22. Juni 2013: Die Stimmung ist entschlossen, selbstbewusst und irgendwie auch zuversichtlich. Es ist der Optimismus von Menschen, die wissen, wofür sie eintreten. Dann fliegen auf einmal tausende mitgebrachte rote Nelken in den noch sonnigen Abendhimmel in hohem Bogen über die Menschenmassen hin und her, immer wieder aufgehoben und weiter geworfen von anderen - hin- und herwogende linke flower power in Solidarität mit den vielen Verletzten und den Toten der letzten Wochen und den dutzenden Schwerverletzten, die in den Intensivstation der Kliniken noch um ihr Leben kämpfen - wie jene junge Frau, die getroffen am Kopf von einer CS-Gas-Kartusche noch immer im künstlichen Koma liegt – nach Angaben ihrer Ärzte zwischen Leben und Tod.

    Nach stillem Gedenken erfüllen den riesigen Platz von einem Ende zum anderen immer lauter werdend die ersten Parolen wie zum Beispiel "Schulter an Schulter, Hand in Hand, Kampf dem Faschismus in jedem Land", danach rhythmisches Klatschen, Tanzen und minutenlanges Hüpfen mit "super - super-rufen!". Eigentlich ist die Stimmung jetzt ausgelassen: Auf der Mitte des Platzes taucht ein riesiges in der Sonne leuchtendes Transparent mit einem großen Pinguin mit Gasmaske auf und daneben weht eine brasilianischen Fahne. Wieder andere Plakate verspotten Recep Tayipp Erdogan: „Das hast du, Tayyip, hervorgebracht!“.

    Nachdem regierunsgnahe Sender und Nachrichtenkanäle während der tagelangen Straßenschlachten und der brutalen Räumung lieber eine Dokumentation über Pinguine ausgestrahlt hatten anstatt live vom Taksim zu berichten wie die vielen alternativen Kanäle und freien online-Medien, gilt der Pinguin mit Gasmaske als Maskottchen der Bewegung genauso wie das Selbstverständnis, dass alle "Marodeure!" sind - was sonst. Die Deutungshoheit über die Aufständischen haben die AKP und der Staatsapparat längst verloren. So laufen Pinguine mit Gasmasken durch die Menge, es hätte ein großes Fest werden können gestern Abend ganz ohne Anlage, Boxen, Bühne und Demonstrationsleitung - das alles ist längst nicht mehr nötig hier in Istanbul, um eine Demonstration mit Zehntausenden selbstbestimmt und friedlich durchzuführen. Vielleicht wäre auch das nächste Widerstandscamp gestern Abend auf dem Taksim entstanden . . .

    Doch nach eineinhalb Stunden werfen die Wasserwerfer ihre Motoren an, weil die Regierung und ihre Polizei- und Geheimdienstler auch für diesen Protest mit Blumen, Klatschen und Parolen keine andere Antwort als Wasserwerfer, CS-Gas, Pfefferspray, Gummigeschosse und Knüppel haben. Die kurzen Durchsagen der Polizei, den Platz freiwillig zu räumen, interessieren schon lange niemanden mehr und gleich danach stürmen hunderte Robocops die Treppen vom Gezi-Park hinab auf die Menschen zu – nein, Panik bricht hier nicht aus, in Ruhe und voller Rücksicht auf ältere Menschen, Kinder und Kranke wird sich die aufständische Menge zurückziehen in die umliegenden Gassen und Straßen rund um den Taksim während noch hunderte sich den Polizisten, die die Treppe hinab stürmen in den Weg stellen und so den anderen Zeit für den Rückzug verschaffen. Tausende ziehen noch im Gehen Schwimm- oder Taucherbrillen und Gasmasken aus ihren Taschen und Rucksäcken heraus und setzen sie auf, weil sie es selbst erleben mussten, dass man nur damit dem Gas der Polizei widerstehen kann. Andere haben auch ihre BauarbeiterInnenhelme oder Motoradhelme mitgebracht gegen die Gummigeschosse und Gaskartuschen – Frauen wie Männer in gleicher Zahl, auffallend viele auch  Menschen mittleren Alters, keineswegs nur Jugendliche. Von allen Seiten des Platzes haben sich nun bereits die seit Tagen dort positionierten Wasserwerfer vom Typ T 1,2,3 und 4 in Bewegung gesetzt, rasen auf die DemonstrantInnen in der Istiklal zu, schießen aus ihren Wasserkanonen. Pfefferspray und Gasgeruch liegen in der Luft.

    Auch in dieser Nacht werden die Polizisten wieder C-Gas und Gummigeschosse auf die Menschen schießen ohne Rücksicht auf Gesundheit und Leben der Getroffenen. Wie lange noch werden diese jungen Männer es psychisch verkraften, damit auch ihre Nachbarn und Verwandten zu treffen? Oder werden sie in der Mehrheit zu Sadisten und Foltereren, denen jede menschliche Gefühl fremd ist, wie jene Polizeioffiziere in den Nächten vom 15. auf den 16. Juni und vom 16.auf den 17. Juni, die Journalisten ihre Presseausweise vom Hals rissen, sie selbst zu Boden schlugen, beleidigten und mit dem Tode bedrohten, um sie dann ihren Schlägertruppen zu übergeben mit dem Hinweis, sie in einer stillen Hausecke richtig fertig zu machen, um sie anschließend einfach liegen zu lassen: zu viele offizielle Festnahmen waren in diesen Nächten gar nicht erwünscht, ein paar hundert im Verhältnis zu Zehntausenden sollten die These von den bösen Terroristen und Marodeuren untermauern, berichtet uns ein kurdischer Kollege, der als Fernsehmoderator eines Istanbuler Senders das eben Geschilderte am eigenen Leib erlebt hat am Abend des 16. Juni. Erst 48 Stunden später kam er wieder auf freien Fuß. Ob und was ihm im Detail vorgeworfen wird, weiß er bis heute nicht. Doch er wird in jedem Fall mit vielen anderen KollegInnen am Montag Anzeige gegen die Polizei wegen Folter, Körperverletzung, Raub etc. vor dem Istanbuler Gericht einreichen.

    Die Menschen ziehen sich ab 20.30 Uhr an diesem Samstagabend ohne Panik langsam in die Seitenstraßen zurück, setzen ihre Gasmasken und Schwimmmbrillen auf und beginnen, wo möglich, Barrikaden zu errichten. Ohne Gasmasken, Taucher- oder Schwimmbrillen und Helmen sowie der Fähigkeit im Notfall schnell laufen zu können, um Wasserwerfern, gepanzerten Jeeps oder den zivilen Greiftrupps von Polizei und Geheimdiensten rechtzeitig zu entkommen oder Faschisten, die im Windschatten der Polizei Jagd auf „linke DemonstrantInnen“ machen wollen hat ein "normaler" Demonstrant ohnehin kaum noch Chancen. Mitten im Gewühl, behalten aber immer einige den Überblick und raten denen, die flüchten müssen, wo sie sicher am schnellsten aus den gefährlichsten Zonen der Auseinandersetzung sich entfernen können.

    Wer in der letzten Woche bereits zu viel Gas abbekommen hat bzw. etwas älter und gebrechlicher ist, muss sich Straße um Straße in noch sicherere Regionen der Stadt zurückziehen. Auch für uns mit unseren JournalistInnenkollegen und FreundInnen und einem Baby ist es Zeit für den Rückzug. In einer Nacht, in der die Presse- wie die Demonstrationsfreiheit, die so eng miteinander verbunden und deren Durchsetzung untrennbar voneinander abhängig sind, gleichermaßen von Gas, Gummigeschossen und Knüppeln bedroht ist. Über dem Taksim kreisen bis zu den frühen Morgenstunden die Hubschrauber. Unsere Gedanken werden bis zum Morgen bei jener jungen Freundin einer Kollegin sein, die auf der Intensivstation einer Istanbuler Klinik noch immer um ihr Überleben kämpft – getroffen am Kopf von einer metallenen CS-Gaskartusche, gezielt abgefeuert aus dem Gewehr eines türkischen Polizisten. Erst als wir Stunden zuvor vor den nahenden Wasserwerfern und dem Pfefferspray, den Gummigeschossen und dem CS-Gas der nachrückenden Polizeieinheiten durch die kleinen Gassen vom Taksim flohen, hatte ich begriffen, dass jene mir bisher unbekannte Frau, von deren Schicksal ich bereits in Deutschland in einer kurzen Nachricht gelesen hatte, eine Freundin meiner Freundin ist.

    Istanbul, den 23. Juni.

    Hintergrund

    Seit Tagen halten Hundertschaften der türkischen Polizei uniformiert und in zivil den Gezi-Park besetzt und wollen durch ihre martialische Dauerpräsenz eine „Rückeroberung“ des Parkes oberhalb des Taksim mitten in Istanbul verhindern.

    24 Stunden stehen an jeder Ecke des Platzes Wasserwerfer (WaWe) vom Typ T 1, 2, 3 oder 4 einsatzbereit, dazu vergitterte Mannschaftswagen und Gefangenentransporter sowie gepanzerte Jeeps. Die Präsenz und Logistik der Polizei- und Geheimdienstkräfte gleicht einem Heerlager auf einem langen Feldzug, das sich mitten ins Zentrum einer fremden Stadt verirrt hat und dort nicht so genau weiß, ob es hier noch für sehr lange Zeit als ungeliebte Besatzer gegen den Willen der Mehrheit der Menschen, die hier leben, die Interessen der AKP-Regierung in Ankara und die Profitinteressen der AKP-nahen Immobilien- und Baufirmen mit Gewalt durchsetzen werden muss.

    Der Preis für diese Immobilienspekulation im Dienste einer von Hunderttausenden IstanbulerInnen abgelehnten Luxus-Gentrifizierung im Eiltempo ist die Zerstörung von weiten Teilen der architektonisch und historisch einmalig schönen Altstadtviertel von Talabashi oder Kocatepe und der steilen und verwinkelten Stadtviertel wie Katip Mustafa Celebi, Tophane oder Cihangir unterhalb der Fußgängerzone Istiklal, die hinunter bis zum Bosporus führen. Schon jetzt hat dieser „Bauboom“ auf Kosten der dort ansässigen Bevölkerung einmalige Gebäudeensembles für immer vernichtet und wird als städtebauliche Todsünde in die Architekturgeschichte von Istanbul eingehen. Von dort werden die Menschen vertrieben, um Platz der Profitlogik der globalen Gleichmacherei von schlechter Architektur für jene Menschen Platz zu machen, die zwar viel Geld, aber dafür keinen Geschmack und keinen Sinn für die Idee dessen haben, was eine „Polis“ im Kern bedeutet: Gemeinschaft und gewachsene soziale und kulturelle Strukturen. Längst zeigt sich, dass diese angebliche Erfolgsgeschichte des globalen Baubooms in Zentren der großen Metropolen schnell wie ein Kartenhaus in sich zusammen stürzen kann, sobald sich die internationalen Hedgefonds und Börsenspekulanten mit ihren Investitionen einem noch lukrativeren oder sicheren Geschäft zu wenden wollen. Ein Crash in der Türkei würde die Immobilioenblase in Spanien wie eine leichte Frühlingsbrise erscheinen lassen. Verfolgt man den Kurssturz an der Istanbuler Börse nur seit Beginn der Protestbewegung, den Kursverfall der türkischen Lira und das rasant steigende Handelsbilanzdefizit der Türkei der letzten Jahren inklusive wachsender Schulden- und Kreditberge sowie das Abflauen der Konjunktur des bis 2011 noch als „China Europas“ bejubelten neoliberalen AKP-Modells in der Türkei, könnten für die nationalen wie internationalen Banken und Konzerne hier am Bosporus heftige Herbststürme heraufziehen. Und von der angeblichen Niederschlagung der Aufstände der „Anarchisten und Terroristen“ vom Taksim, die Erdogan vor wenigen Tagen vor bestellten und bezahlten Klaqueren lautstark verkündet hatte, spürt und weiß man hier in Istanbul nichts, solange man mit wachen Augen und offenen Ohren durch die Stadt geht, anstatt ausschließlich den Pressekonferenzen und inszenierten Politshows des Ministerpräsidenten auf den gleichgeschalteten Kanälen des staatlichen Fernsehens, aber auch der großen privaten Mainstream-Sender zu lauschen und diese für die Realität der Türkei zu halten.