Nachrichten

    dju-Mitgliederbrief November 2015

    dju-Mitgliederbrief November 2015

    Cornelia Haß Martha Richards Cornelia Haß

    Liebe Kollegin, lieber Kollege,

    „Mut und Liebe brauchen wir für die Zukunft unserer journalistischen Arbeit“, so fasste vergangene Woche der Betriebsratsvorsitzende eines regionalen Tageszeitungsverlages die Diskussion über sinkende Auflagen, neue digitale Vertriebsmodelle, Bedrohungen der Pressefreiheit und die Frage nach dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wert von Journalismus zusammen.

    Die freie Journalistin Julia Friedrichs identifizierte in ihrer Eröffnungsrede einer Veranstaltung des Rechercheverbunds correctiv, die ebenfalls vergangene Woche unter dem Motto „Mut wagen - Zukunft gestalten“ in Essen stattfand, auch noch Trotz als notwendig, diesem Beruf weiterhin die Treue zu halten. Von dem wir nach wie vor finden, dass er der schönste Beruf der Welt ist.

    Der leider manchmal ungemein belastend ist, wenn wie am 13. November ein weiteres Mal in Paris die Welt aus den Fugen gerät und Journalistinnen und Journalisten unter dem Eindruck sich überschlagender Ereignisse das Unerklärliche erklären und die passenden Worte für Unsagbares finden müssen - Wir trauern mit den Opfern von Paris, empfinden mit den Menschen, die sich ihre Freiheit erhalten und diese auch wieder in der Öffentlichkeit ausleben wollen, und sprechen den Kolleginnen und Kollegen für ihre Berichterstattung unseren Respekt und unseren Dank aus. Sie haben tatsächlich Mut, Liebe und Trotz bewiesen. Oder mit den Worten des „Charlie Hebdo“-Karikaturisten Joann Sfar, der den Anschlag auf sein Magazin im Januar überlebt hat: „Our faith goes to Music! Kisses! Life! Champagne and Joy! #ParisisaboutLife“

    Nur leider lebt der Mensch weder von Mut noch von Liebe allein und bei allem Idealismus muss ab und an der Kühlschrank gefüllt und die Miete gezahlt werden.

    Mal abgesehen davon, dass wirtschaftliche Unabhängigkeit auch ein wesentliches Kriterium dessen ist, was wir als innere Pressefreiheit bezeichnen, die uns immun machen soll gegen materielle Verlockungen im Tausch gegen eine willfährige Berichterstattung.

    In diesem Zusammenhang ist es gut, dass die Kolleginnen und Kollegen in fast allen Sendern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein Tarifergebnis erzielt haben, auch wenn dafür vielleicht einmal eine Ausgabe des Boulevard-Magazins „Brisant“ vom MDR oder die Grafik der Tagesschau beim NDR streikbedingt dran glauben mussten. Je nach Sender bekommen die Kolleginnen und Kollegen, Angestellte und Freie, dort in diesem und im nächsten Jahr jeweils zwei Prozent mehr Geld (Freie sogar jeweils 0,2 % mehr). Zusätzlich wurden soziale Komponenten wie die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall für Freie oder die Übernahme von Auszubildenden vereinbart. Details über unsere Arbeit in den einzelnen Sendern gibt es hier: www.rundfunk.verdi.de.

    Eine „klassische“ Tarifauseinandersetzung erwartet uns nun Anfang 2016 im Bereich der Tageszeitungsredaktionen: Der Gehaltstarifvertrag für die rund 14.000 Redakteurinnen und Redakteure sowie Freie und Pauschlisten kann zum Ende des Jahres gekündigt werden, während der Manteltarifvertrag, in dem die allgemeinen Arbeitsbedingungen geregelt sind, erst zum Ende 2018 kündbar ist. Den Manteltarifvertrag haben wir im April 2014 mit Verschlechterungen beim Urlaubsgeld und der Jahresleistung abgeschlossen, die im jetzigen Gehaltstarifvertrag schon „eingepreist“ sind. Dafür wurde, was längst überfällig war, der Geltungsbereich um die Onliner erweitert, ab Juni 2016 gilt dann auch der Manteltarifvertrag für OnlineredakteurInnen.

    Ein Blick auf die Tarifentwicklung sowohl in der Gesamtwirtschaft als auch im Branchenumfeld zeigt: es gibt nicht nur Kompensations-, sondern auch Nachholbedarf. Während die Preise seit 2005 um 16 Prozent gestiegen sind und die Gehälter in der Gesamtwirtschaft um 22,2 Prozent, mussten sich die Tageszeitungsredaktionen mit mageren 10,5 Prozent begnügen und sind damit selbst von einem reinen Inflationsausgleich noch weit entfernt. Die Verlage hingegen jammern nach wie vor auf hohem Niveau und erwirtschaften zum Teil zweistellige Renditen, während der Druck in den Redaktionen durch Arbeitsverdichtung im Zuge des digitalen Wandels immer weiter steigt. Immerhin entstehen zaghaft erste digitale Vertriebsmodelle und steigen die Erlöse und Auflagen im Online-Bereich. Über die Entwicklungen in der Branche informieren wir in unserem Quartalsbericht, der hier zu finden ist:

    http://dju.verdi.de/geld/quartalsberichte

    Alle Modelle, mit denen die Verlage ihr Geld verdienen, sind angewiesen auf gute Arbeit in den Redaktionen, von Festangestellten wie Freien. Den Wert dieser Arbeit materiell zu definieren, wird Aufgabe in der bevorstehenden Tarifauseinandersetzung sein. Die Bundestarifkommission wird dazu Ende November die Forderungen der dju in ver.di aufstellen, mit einer Umfrage in den Redaktionen und unter den Freien verschaffen wir uns derzeit schon ein Meinungsbild dazu.

    Wie die Verlage es mit dem Wert der Arbeit von Journalistinnen und Journalisten halten, erleben wir derzeit in der Auseinandersetzung um die Frage nach angemessenen Honoraren, die das Urhebervertragsrecht seit 2002 verbindlich vorschreibt. Seit 2010 gibt es die Gemeinsamen Vergütungsregeln (GVR), die angemessene Honorare für Freie an Tageszeitungen definieren. Selten werden diese in den Verlagen tatsächlich gezahlt und dem Gedanken, dass es nach sechs Jahren einmal Zeit für eine Erhöhung wäre – wir meinen um 6 bis 10 % - , verschließen sich die Vertreter des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverlage (BDZV) konsequent. Im Gegenteil: Sie wollen die Bedingungen für Freie verschlechtern. Das heißt, wir haben zwei große Baustellen: Wir kämpfen für Vergütungsregeln, die angemessene Honorare vorsehen, auch im Zeitschriftenbereich, und für die bessere Durchsetzbarkeit des Anspruchs darauf, dass diese Honorare dann auch tatsächlich gezahlt werden.

    Dazu hat Bundesjustizminister Heiko Maas einen Entwurf für eine Reform des Urhebervertragsrechts vorgelegt, der eine Stärkung der Rechtedurchsetzung Freier vorsieht. Zum Beispiel, indem Gewerkschaften wie ver.di die Rechte ihrer Mitglieder einklagen können und nicht länger die Freien persönlich vor Gericht ziehen müssen, um ihre Ansprüche durchzusetzen – was sie natürlich Folgeaufträge kosten kann. Es geht, wohlgemerkt, in dem Entwurf nur darum, geltendem Recht zur Anwendung zu verhelfen, nicht um zusätzliche Belastungen der Verlage. Die Art und Weise, in der diese sich reflexartig gegen den Gesetzentwurf wehren, lässt allerdings befürchten, dass es noch zu heftigen Auseinandersetzungen um die Urhebervertragsrechtsnovelle kommen wird. Ein Kommentar dazu vom dju-Vorsitzenden Ulrich Janßen sowie eine erste Bewertung des Gesetzentwurfs stehen hier:

    https://dju.verdi.de/ueber-uns/nachrichten/++co++1c95b854-6e9b-11e5-9e4c-525400248a66

    http://dju.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++39cc1c16-6049-11e5-ad65-52540059119e

    Wenn wir bei der Frage nach dem Wert der journalistischen Arbeit sind, bei der Liebe, die uns damit verbindet und dem Trotz und dem Mut, für den Wert dieser Arbeit zu kämpfen, drängen sich natürlich auch die Bilder und Filme von den X -gida-Demos, die Bedrohung von und Angriffe auf Kolleginnen und Kollegen, hate speech und Verleumdungen in den sozialen Netzwerken ins Bewusstsein. Fotografen, Kameraleute, Lokaljournalistinnen und Leitartikler, sie alle verbindet derzeit, dass sie entweder selber in den vergangenen Monaten mal den Begriff „Lügenpresse“ ins Gesicht geschrien bekommen haben, Opfer eines tätlichen Übergriffs geworden sind oder jemanden im Bekanntenkreis haben, der oder die von entsprechenden Erfahrungen berichten kann. Unsere Hochachtung und unsere Anerkennung gelten  denen, die diesem Druck stand halten und weiterhin ihrer Arbeit nachgehen, die Missstände aufdecken und Zusammenhänge verdeutlichen, die sich nicht einschüchtern lassen, sondern den Wert ihrer Arbeit auch darin definieren, gegen dumpfe und platte Parolen das Primat der Information zu stellen. Wir verurteilen als Journalisten-Gewerkschaft die Übergriffe und bieten Betroffenen unseren Rückhalt und unsere Unterstützung an, durch die Übernahme von Redaktionspatenschaften, durch Rechtschutz für unsere Mitglieder, Wachen und Schutz auf Demonstrationen und natürlich durch ein klares öffentliches Bekenntnis zur unverzichtbaren Rolle des Journalismus für unsere Demokratie. Wer Unterstützung benötigt, kann sich jederzeit unter dju-info@verdi.de an uns wenden!

    Sowohl im Journalismus als auch in der gesamten Gesellschaft werden die sozialen Netzwerke zunehmend wichtig. Auch, weil die Nutzerinnen und Nutzer über Facebook und Twitter eine neue Rolle einnehmen und sich das Verhältnis zwischen Medien und Empfängern  dadurch verändert: Die Empfangenden senden und beeinflussen damit wiederum den Inhalt von Medien. Zugleich entdecken die klassischen Medien in den sozialen Räumen des Netzes neue Vertriebsmodelle für ihre Produkte. Zwei Stichworte dazu lauten: Handel mit Daten und das Entstehen neuer Plattformen  wie Instant Articles auf Facebook. Nicht umsonst haben wir daher unseren nächsten Journalistentag unter das Motto „Shit & Candy - Die neue Währung für den Journalismus?“ gestellt. Am 23. Januar wollen wir unter anderem mit Richard Gutjahr, Frank Rieger vom Chaos Computer Club sowie Maria Exner aus der Chefredaktion von Zeit Online der Frage nach der neuen Rolle der sozialen Medien sowohl hinsichtlich der Inhalte, aber auch neuer Geschäftsmodelle nachgehen, einige werden wir uns auch direkt anschauen und erklären lassen. Das ganze Programm und die Anmeldung sind hier zu finden:

    https://dju.verdi.de/journalistentag

    Es ist erfreulich, dass auch die Stiftungen zunehmend Verantwortung für die Rolle und den Wert des Journalismus übernehmen und sich dafür engagieren, aber auch das wird nur ein weiterer Weg der Finanzierung von Journalismus sein, weitere werden entstehen, müssen entstehen. Einen großen Wurf wird es nicht geben, sondern einen Mix unterschiedlicher Finanzierungsmodelle und auch die Politik muss ihre Verantwortung dabei übernehmen, zum Beispiel hinsichtlich der Frage von Steuerentlastungen auch für Online-Produkte, dann aber bitte immer gekoppelt an die Einhaltung sozialer und publizistischer Standards.  Wir sind überzeugt: Es wird künftig mehr als die gewohnten Angebote aus öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk sowie privatwirtschaftlich organisierter Presse brauchen, um Journalismus zu finanzieren - und das ist richtig und gut so als wesentlicher Bestandteil von Pressefreiheit und Medienvielfalt. Deswegen haben wir auch den folgenden Aufruf des Bundesverbands Deutscher Stiftungen zum Erhalt des Qualitätsjournalismus unterzeichnet:

    http://www.stiftungen.org/de/presse/pressemitteilungen/archiv-pressemitteilungen/pressemitteilungen-dynamische-inhalte/detailseite-pressemitteilung/mode/teaserstart/detail/5857.html

    Im Sommer ist die Stiftung Partizipation und Vielfalt der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen an den Start gegangen, die mit 1,6 Millionen Euro jährlich den Auftrag hat, „die Akzeptanz von Qualitätsjournalismus ebenso zu fördern wie digitale Publikationsstrukturen und die Aus- und Fortbildung von Journalisten in Bezug auf innovative Angebote. Außerdem soll die Stiftung dazu beitragen, innovative journalistische Angebote und alternative Finanzierungsmodelle voranzutreiben.“ Ein erstes Projekt der Stiftung, das „Handbuch des selbstbestimmten Lokaljournalismus im Netz“ kann hier herunter geladen und genutzt werden:

    http://www.lfm-nrw.de/fileadmin/user_upload/lfm-nrw/Foerderung/Stiftung/Veranstaltungen/Geldverdienen/Dokumente/StudieLokaljournalismusLP_20150929.pdf

    Neben stiftungsgeförderten Projekten wird es neue Vertriebsmodelle geben, wie zum Beispiel den digitalen Kiosk Blendle.com, der mit Startkapital aus dem Springer Verlag und von der Deutschen Telekom nach einer erst kurzen, aber umso beeindruckenderen Erfolgsgeschichte in den Niederlanden mit dem Verkauf einzelner Artikel aus Tageszeitungen und Magazinen quer durch die Branche im September auch in Deutschland an den Markt gegangen ist. Die Verlage legen dabei selber den Preis ihrer Produkte fest, von dem Blendle 30 Prozent behält und 70 Prozent an die Verlage abführt. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Modell entwickelt, dem andere, vergleichbare ja bereits folgen.

    Mit der Digitalisierung und dem einhergehenden Umbruch in der Branche verändert sich auch das Berufsbild Journalismus. Besonders ein Begriff fällt immer wieder: Crossmedia. Welche Kompetenzen werden künftig gefordert, wenn es für Journalistinnen und Journalisten heißt, crossmedial zu arbeiten? In Ihrer Dissertation „Weiterbildung im Zeitalter der Moocs – welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Gesellschaft auf die Weiterbildung von JournalistInnen?“ beschäftigt sich Michaela Petek insbesondere mit den digitalen Möglichkeiten der Wissensvermittlung für Journalistinnen und Journalisten. Mit der Grundlage einer Umfrage sollen relevante Fragen zur Zukunft des digitalen Journalismus differenziert ausgearbeitet werden. Gerne möchten wir diese Dissertation mit der Hilfe unserer Mitglieder unterstützen und bitten hiermit um eine rege Teilnahme. Unter http://ww3.unipark.de/uc/Journalisten-Weiterbildung/ gelangen Sie direkt zu der Umfrage, alle weiteren Informationen zu der Arbeit finden Sie hier:

    https://dju.verdi.de/ueber-uns/nachrichten/++co++72786c44-8d2c-11e5-a733-525400ed87ba.

    Ja, die Branche ist in massivem Umbruch und auch wir verändern uns und vollziehen die Digitalisierung in unseren Publikationen nach: Neben den diversen Seiten, in denen wir über unser Engagement für unsere Mitglieder informieren, starten wir Anfang 2016 auch mit der ersten Gewerkschaftspublikation, die ausschließlich online erscheint. Unser medienpolitisches Magazin M - Menschen Machen  Medien wird ab 4. Januar aktuell und umfassend über alle Themen informieren, die „was mit Medien“ zu tun haben. Wir freuen uns darauf, unsere Mitglieder schneller mit allen relevanten Informationen zu versorgen - und natürlich über die Möglichkeit, mit ihnen in den Dialog zu treten, so, wie es dem digitalen Wandel angemessen ist! Mit vier Schwerpunktheften jährlich erscheint die M dann zusätzlich auch als Printmagazin, in denen wir in Berichten, Analysen und Kommentaren jeweils ein großes Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln von allen Seiten betrachten und einordnen.

    Damit weiten wir unsere Information deutlich aus, für unsere Mitglieder und die, die es noch werden wollen.

    Ein Jahr mit bedrückenden politischen und gesellschaftlichen Ereignissen liegt hinter uns, ganz viel Neues und Gutes erwartet uns in 2016. Wir wünschen allen eine schöne Weihnachtszeit mit der Betonung auf Zeit für alles, was wirklich wichtig ist, und ein friedliches, gesundes, erfolgreiches und tatkräftiges neues Jahr!

    Conny Haß und das Team der dju-Bundesgeschäftsführung

    Leiterin Bereich Publizistik und Medien
    Bundesgeschäftsführerin der dju in ver.di

    www.dju.verdi.de
    www.rundfunk.verdi.de